Wenn das Haar plötzlich dünner wird
Simone de Beauvoir schrieb 1949 in Das andere Geschlecht und daraus ist ein Zitat sehr bekannt: „Die Frau wird nicht als Frau geboren, sie wird dazu gemacht.“
Sie thematisierte den Körper – aber nicht in der konkreten, symptomatischen Weise, wie wir es heute tun würden. Als sie selbst in die Wechseljahre kam, schrieb sie über das „Unsichtbarwerden“ mit dem Alter, aber nicht über die konkreten körperlichen Veränderungen.
Nicht über die Haare. Das war zu intim, zu körperlich, zu „unwürdig“ für intellektuelle Frauen der 1960er-Jahre. Diese Stille hat Generationen von Frauen im Stich gelassen. Denn ganz ehrlich: Haarausfall in den Wechseljahren ist real. Und für viele Frauen gehört das zu den sehr belastenden
Symptomen. Deshalb verdienen unsere Haare die gleiche sachliche Aufmerksamkeit wie jedes andere medizinische Symptom.
Es ist eines der Symptome, über das Frauen scheinbar am seltensten offen sprechen. Nicht weil es sie nicht beschäftigt, ganz im Gegenteil. Sondern weil es so persönlich ist. So sichtbar. So sehr mit Identität verknüpft. Wie viele von uns haben schon nach den Schwangerschaften weinend im Bad gestanden, natürlich hat der Babylues zugeschlagen, aber auch die Haarbüschel im Waschbecken waren doch teilweise zum „heulen“.
Das Haare dünner werden, mehr Haare beim Waschen oder Kämmen im Abfluss landen, der Scheitel breiter wird, das sind Erfahrungen, die Frauen in den Wechseljahren leider häufig machen. Und die sie häufig allein tragen. Deshalb möchte ich auch hier im Blog darüber schreiben – und ja, ich gebe zu: ich bin einer dieser Frauen die immer um ihre langen Haare besorgt ist. Deswegen ist es ein zutiefst persönliches Thema für mich.
Warum Haare rund um die Menopause leiden
Wenn Du mir schon länger folgst, dann weisst Du, dass die Hormone überall ihre Finger im Spiel haben. Und auch hier, denn so wie die Haut haben auch Haare oder besser gesagt die Haarfollikel Östrogenrezeptoren. Dabei hilft Östrogen gezielt, dass die Wachstumsphase des Haars (die sogenannte Anagenphase) verlängert wird und verkürzt die Ruhephase (Telogenphase). Das ist ja schon mal schön, denn Haare wachsen länger und fallen weniger aus = mehr Haare auf dem Kopf. Aber wenn Östrogen sinkt, kehrt sich dieses Verhältnis um: mehr Haare gleichzeitig in der Ruhephase, mehr Haare gleichzeitig in der Ausfallphase. Mist…
Aber das ist noch nicht alles. Es kommt noch ein weiterer Effekt dazu: die sogenannte Androgenverschiebung. Das klingt kompliziert, ist aber eigentlich einfach: In unserem Körper gibt es nicht nur „weibliche“ Hormone wie Östrogen, sondern auch „männliche“ Hormone, die sogenannten Androgene. Wenn das Östrogen in den Wechseljahren sinkt, bleiben diese Androgene zunächst relativ stabil. Dadurch entsteht ein neues Verhältnis – und die Androgene treten stärker in den Vordergrund. Das bedeutet nicht, dass plötzlich „mehr“ männliche Hormone da sind. Sondern: Es ist weniger Östrogen da, das sie ausgleicht. Bei manchen Frauen wirkt sich genau das auf die Haare aus. Man spricht dann von androgenetischer Alopezie – einer Form von Haarausfall, die hormonell mit beeinflusst ist. Während man das bei Männern oft als „Geheimratsecken“ oder Glatze kennt, zeigt es sich bei Frauen anders: Die Haare werden insgesamt feiner und lichter, besonders im Bereich des Scheitels.
Diffuser Haarausfall vs. androgenetische Alopezie
Diffuser Haarausfall: Gleichmäßiger Ausfall über die gesamte Kopfhaut, oft durch Nährstoffmangel, Stress oder Schilddrüsenprobleme.
Androgenetische Alopezie: Musterförmige Ausdünnung, besonders im Scheitelbereich und an den Schläfen. Beide kommen in der Menopause vor, leider oft gleichzeitig. Die Ursache zu kennen, ist entscheidend für die weitere Abklärung und mögliche Schritte.
Was den Haarausfall verstärkt
Allerdings, Ernährung und Nährstoffversorgung spielen eine wichtige Rolle für viele Prozesse im Körper – auch für die Haarfollikel. Denn auch bei Haaren bzw. deren Ausfall hängt viel von dem ab, was wir täglich zu uns nehmen. Oder eben aber von dem, was uns an Nährstoffen fehlt.
- Eisenmangel: Das ist die häufigste oder am häufigsten übersehene Ursache für diffusen Haarausfall bei Frauen. Niedrige Eisenspeicher (ein Ferritin Wert unter 40 ng/ml) werden in der Praxis häufig im Zusammenhang mit diffusem Haarausfall gesehen. Deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf Ferritin, Serumeisen und Transferrinsättigung. Manche Ärzte empfehlen sogar einen Wert von über 70 ng/ml.
- Schilddrüsenunterfunktion: Überschneidet sich stark mit Menopause-Symptomen wie Haarausfall, Erschöpfung, Gewichtszunahme. Deshalb bei einem Blutbild immer auch den Wert TSH messen lassen.
- Proteinmangel: Haare bestehen zu 95 Prozent aus Keratin, einem Protein. Zu wenig Protein in der Ernährung bedeutet weniger Wachstumssignal für Follikel. Eigentlich logisch.
- Chronischer Stress: Leider schickt erhöhtes Kortisol Haarfollikel vorzeitig in die Ruhephase. Das ist ungünstig, denn dann fallen die Haare natürlich auch irgendwann wieder früher aus.
- Bestimmte Medikamente: Aber auch hier muss man aufpassen, denn Antidepressiva, Blutdruckmittel, Cholesterinsenker können Haarausfall als Nebenwirkung haben.
- Crash-Diäten und Kalorienrestriktion: Kaloriendefizit wird vom Körper als Stresssignal gewertet, und Haarwachstum ist eindeutig als nicht Überlebenswichtig vom Körper eingestuft. Das wiederum bedeutet: die Haare bzw. deren Wachstum und Neubildung wird zugunsten lebenswichtigerer Prozesse eingestellt.
In diesem Artikel habe ich außerdem über die Haut in den Wechseljahren geschrieben – da beides, die Haut und die Haare eng zusammenhängen, schau in Dir doch gerne auch noch einmal an.
Was Du bei Haarausfall konkret anschauen kannst
Eisenstatus überprüfen
Das Erste und Wichtigste: Lass Ferritin, Serumeisen und Transferrinsättigung messen. Nicht nur Hämoglobin, das ist zu grob. Häufig werden in der Praxis Werte im Bereich von etwa 40-70 ng/ml oder darüber diskutiert. Die individuelle Einordnung sollte jedoch immer gemeinsam mit einem Arzt erfolgen.
Biotin, aber nicht allein
Biotin (Vitamin B7) wird oft als Wundermittel für Haare vermarktet. Die Realität: Bei echtem Biotinmangel hilft Supplementierung deutlich. Bei ausreichend Versorgung ist der Effekt gering. Viel wichtiger ist der B-Komplex insgesamt: B-Vitamine (also B12, Folsäure, B6) sind allgemein an Prozessen der Zellteilung beteiligt – auch in Geweben wie Haut und Haaren. All das solltest Du auch erst einmal messen lassen beim Arzt und dann entscheiden, wie Du ausreichend davon zu Dir nehmen kannst.
Zink
Zink spielt eine Rolle in verschiedenen Stoffwechselprozessen, die auch für Haut und Haare relevant sind. Und ein Zinkdefizit ist bei Frauen über 45 häufiger als bisher angenommen, besonders bei vegetarischer oder veganer Ernährung. Nahrungsquellen sind vorrangig Fleisch, Meeresfrüchte, Kürbiskerne, Hülsenfrüchte. Wenn Du also vegetarisch oder vegan isst, dann schau, dass Du genügend andere Quellen für Zink hast.
Kollagen
Hydrolysiertes Kollagen liefert die Aminosäuren Prolin und Glycin, beide Bausteine des Keratins. In Studien wird aktuell untersucht, ob Kollagenaufnahme mit Veränderungen von Haarstruktur oder Haardichte in Zusammenhang stehen kann. Die Ergebnisse sind jedoch nicht einheitlich und lassen sich nicht pauschal übertragen. Hier kannst Du auch noch einmal ausführlich über Kollagen in den Wechseljahren lesen.
Medikamentöse Unterstützung (nur mit ärztlicher Begleitung!!!)
Es gibt auch gezielte Medikamente gegen Haarausfall, zwei möchte ich Dir kurz vorstellen. Bitte denk aber daran, diese nie ohne ärztliche Aufsicht zu nehmen und Dich vorher umfangreich zu informieren.
Minoxidil ist einer der Wirkstoffe, die bei Haarausfall am häufigsten eingesetzt werden. Er wird direkt auf die Kopfhaut aufgetragen, meist in Konzentrationen von 2 bis 5 %. In Studien wurde untersucht, inwiefern er das Haarwachstum unterstützen kann. Wenn überhaupt eine Veränderung eintritt, zeigt sie sich in der Regel erst nach mehreren Monaten. Wichtig ist dabei aber nochmal, dass die Anwendung individuell abgeklärt werden sollte, da nicht jede Kopfhaut gleich reagiert und es auch Situationen gibt, in denen eine Anwendung nicht sinnvoll ist.
Spironolacton ist ein verschreibungspflichtiger Wirkstoff, der ursprünglich aus einem anderen medizinischen Bereich kommt, aber auch im Zusammenhang mit hormonell beeinflusstem Haarausfall diskutiert wird. Dabei geht es unter anderem darum, wie Androgene (männliche Hormone) auf die Haarfollikel wirken. Ob und in welcher Form das sinnvoll ist, sollte immer individuell ärztlich beurteilt werden – in der Regel über den Hausarzt dann aber auch gemeinsam mit einer Dermatologin oder einem Dermatologen.
Haare wachsen langsam. Jede Maßnahme braucht Zeit. Gib Deinen Haaren 3 bis 6 Monate, bevor Du ein Urteil fällst.
Dein Haar ist nicht eitel und ich geh davon aus, dass Du es auch nicht bist… aber Deine Haare können sehr wohl ein wichtiger Teil Deiner Identität und Deines Lebens sein. Und deswegen schmerzt es so sehr, wenn wir sie verlieren. Deshalb verdienen auch Deine Haare eine größere Aufmerksamkeit während den Wechseljahren. Und wenn Du verstehst, dass Haarausfall auch eines der vielen Symptome und Beschwerden in den Wechseljahren ist, dann hilft es Dir vielleicht, sie auch gezielt zu unterstützen und zu schützen.
In diesem Sinne, sei gut zu Dir.

Hinweis: Die genannten Zusammenhänge basieren auf wissenschaftlichen Untersuchungen und individueller Erfahrung. Sie ersetzen keine ärztliche Abklärung.
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