Was Deine Hormone wirklich tun und was passiert, wenn sie sinken
Im Jahr 1929 gelang dem deutschen Biochemiker Adolf Butenandt und dem amerikanischen Chemiker Edward Doisy unabhängig voneinander dasselbe: Sie isolierten erstmals reines Östrogen aus dem Urin von Schwangeren. Es waren Tonnen von Urin nötig, um winzige Mengen des Hormons zu gewinnen. Butenandt erhielt dafür 1939 den Nobelpreis für Chemie. Was er damals noch nicht ahnte: Östrogen würde sich als weit mehr erweisen als ein Fortpflanzungshormon. Es ist ein Systemhormon — und sein Rückgang betrifft jeden Winkel des weiblichen Körpers.
Wenn ich Frauen in der Perimenopause frage, was sie über ihre Hormone wissen, bekomme ich (wenn überhaupt) eine Antwort: „Östrogen sinkt. Deshalb Wechseljahre.“ Das stimmt. Aber es ist ungefähr so vollständig wie zu sagen: „Das Auto hat keinen Sprit mehr. Deshalb fährt es nicht.“ Ok, der Vergleich hinkt etwas, aber ich hoffe Du verstehst was ich meine.
Denn Östrogen allein erklärt nicht, warum Du nachts nicht schläfst. Es erklärt nicht, warum Deine Libido schwindet, obwohl Deine Gynäkologin sagt, „alles sei in Ordnung“. Und es erklärt nicht, warum Du Dich erschöpft und träge fühlst, während andere in Deinem Alter vor Energie sprühen.
Dafür brauchen wir das vollständige Bild: Östrogen, Progesteron und Testosteron, alle drei wichtigen Hormone, was sie tun, und was passiert, wenn sie sinken.
Hormone sind keine Einzelspieler. Sie sind ein Orchester. Und in den Wechseljahren verändern sich die Instrumente, nicht alle gleichzeitig, nicht alle gleich stark. Aber Du als Dirigent des Orchesters musst Dich auf diese neue Musik einstellen.
Östrogen: das Systemhormon
Eigentlich ist Östrogen nicht nur ein Hormon sondern eine ganze Hormongruppe. Das wichtigste davon ist Estradiol (E2), das hauptsächlich in den Eierstöcken produziert wird. Östrogen wirkt auf über 300 Körperprozesse und es ist kein Fortpflanzungshormon, das nebenbei auch anderes macht. Sondern andersherum: es ist ein Systemhormon, das nebenbei auch die Fortpflanzung regelt.
Östrogen (Estradiol E2)
Funktion: Unterstützt Knochen und Herzgesundheit, reguliert Körpertemperatur, unterstützt Gehirnfunktion, Schlaf und Stimmung, hält Schleimhäute feucht, fördert Kollagenproduktion, reguliert Blutzucker und Cholesterin.
Wenn es sinkt: Hitzewallungen, Nachtschweiß, Schlafstörungen, trockene Haut und Schleimhäute, Hirnnebel, Stimmungsschwankungen, Knochendichteverlust, erhöhtes Herzerkrankungsrisiko, Gewichtszunahme am Bauch.
Was hilft: Omega-3, Vitamin D, Phytoöstrogene (pflanzliche Stoffe ähnlich wie Östrogen) aus Leinsamen und Soja, körperliche Bewegung, gegebenenfalls Hormontherapie (MHT/HRT) nach Rücksprache mit Ärztin.
Eine Sache, die aber auch wichtig ist: Östrogen schwankt in den Wechseljahren. Es fällt nicht einfach gleichmäßig nach unten. Es steigt an manchen Tagen auf das Dreifache des Normalwerts und fällt an anderen Tagen auf fast null. Diese Schwankungen erklären, warum die Beschwerden in der Perimenopause oft chaotischer sind als nach der Menopause, wenn Deine Periode ausbleibt.
Progesteron: das erste Hormon, das wirklich „geht“
Progesteron ist das Hormon, über das am wenigsten gesprochen wird. Und das ist ein Problem. Denn es sinkt als erstes im weiblichen Körper ab, oft bereits Mitte 30, lange vor den ersten Östrogenschwankungen. Viele Frauen spüren den Progesteronmangel jahrelang, ohne dass eine Verbindung hergestellt wird oder jemand es ihnen erklärt. Denn man denkt ja wohl nicht an die Wechseljahre, wenn man gefühlt noch ein jünger Hüpfer ist.
Progesteron
Funktion: Wirkt beruhigend und schlaffördernd, reguliert den zweiten Teil des Menstruationszyklus, stabilisiert die Gebärmutterschleimhaut, hat entzündungshemmende Eigenschaften, unterstützt die Schilddrüsenfunktion.
Wenn es sinkt: Schlafprobleme (besonders in der zweiten Zyklushälfte), verstärktes PMS, Reizbarkeit und Angst, Stimmungstiefs, stärkere oder unregelmäßigere Blutungen, erhöhte Entzündungsneigung.
Was hilft: Magnesiumglycinat abends, gezieltes Stressmanagement (Kortisol verdrängt Progesteron), ausreichend Schlaf, bei Bedarf bioidentisches Progesteron nach ärztlicher Beratung.
Es gibt einen Begriff, den Du hier auch kennen solltest: Östrogendominanz. Das klingt erstmal paradox denn wie kann Östrogen dominant sein, wenn es sinkt? Ganz einfach: Weil Progesteron schneller sinkt. Das Verhältnis verschiebt sich dann, sodass Östrogen im Vergleich zu Progesteron dominiert. Und dieser Ungleichgewicht (also nicht der absolute Östrogenwert) ist oft die eigentliche Ursache für viele frühe Wechseljahresbeschwerden. Auch hier ist wichtig dass Du das weisst, sodass Du es gezielt mit Deinem Arzt oder Deiner Ärztin ansprechen kannst.
Testosteron: das vergessene Frauenhormon
Ja, auch Frauen haben Testosteron. Und das obwohl wir in der Schule damals wahrscheinlich alle Testosteron als DAS männliche Hormon kennengelernt habe. Aber wir Frauen brauchen dieses Hormon auch und haben sogar nicht wenig davon. Was aber wieder interessant ist: sein Abfall wird in der Wechseljahrsmedizin erschreckend wenig besprochen. Und das kann dann zu Problemen führen. Wenn Du mit Deinen Beschwerden bzw. deren Linderung gar nicht weiter kommst, lass deshalb auch Deinen Testosteronwert bestimmen.
Testosteron
Funktion: Fördert Energie, Antrieb und Konzentration, ist entscheidend für Libido und sexuelles Erleben, unterstützt Muskelaufbau und Knochen, wirkt stimmungsaufhellend, schützt das Herzkreislaufsystem.
Wenn es sinkt: Niedrige Libido, Antriebslosigkeit, Erschöpfung trotz ausreichend Schlaf, Muskelabbau, Konzentrationsprobleme, depressive Verstimmung, zunehmende Körperfettspeicherung.
Was hilft: Krafttraining (stimuliert die körpereigene Produktion), Zink aus Lebensmitteln und Supplementen, ausreichend gesunde Fette in der Ernährung, bei Bedarf Testosterontherapie nach spezialisierter ärztlicher Beratung.
Warum sind alle drei Hormone für Dich wichtig?
Diese drei Hormone wirken nicht isoliert. Sie sind miteinander verbunden, beeinflussen sich gegenseitig und reagieren gemeinsam auf äußere Einflüsse wie Stress, Schlaf, Ernährung und Bewegung. Wenn Du das verstehst, dann bist Du schon ein gutes Stück weiter. Deswegen hier auch noch ein paar Beispiele, die Dir zeigen soll, wie sehr die Hormone ineinander greifen (oder eben auch nicht…):
- Chronischer Stress erhöht Kortisol und Kortisol verdrängt Progesteron aus seinen Rezeptoren. Das verstärkt die Östrogendominanz und die damit verbundenen Beschwerden.
- Schlafmangel senkt die Testosteronproduktion innerhalb weniger Nächte messbar.
- Körperfett produziert Östrogen weshalb Übergewicht das hormonelle Ungleichgewicht in den Wechseljahren noch zusätzlich verändern kann.
- Intensives Ausdauertraining kann Östrogen weiter senken während moderates Krafttraining Testosteron unterstützt.
Das bedeutet: Dein Hormonstatus ist nicht nur ein Labor-Wert, zumal er jeden Tag anders sein kann. Deine Hormone und wie sie miteinander agieren und wirken ist ein Spiegel Deines gesamten Lebensstils. Und das ist gute Nachricht, denn damit liegen viele Faktoren direkt in Deiner Hand.
Was ein Hormonstatus wirklich aussagt und was nicht
Als ich meine Gynäkologin beim letzten Termin nach einem Hormonstatus gefragt hat, hat sie abgewunken. Natürlich würde sie es machen, wenn ich es möchte. Aber solange bei mir noch alles regelmässig ist und ich offensichtlich gut über alle Veränderungen Bescheid weiss, könnte ich mir die vielen Blutabnahmen auch sparen. Denn womit sie recht hat: Ein einziger Hormonstatus an einem einzigen Tag ist nur ein snapshot, nicht mehr und nicht weniger, und damit leider auch nicht aussagefähig.
Deshalb bekommen auch viele Frauen nach diesem einzelnen snapshot zu hören: „Alles normal.“ Was meistens an diesem Tag vielleicht auch so war. Dabei fühlen sie sich alles andere als normal. Was ist also der Grund?
- Hormonwerte schwanken stark im Zyklusverlauf ein einzelner Messzeitpunkt sagt wenig
- Normalwerte basieren auf Durchschnittswerten einer breiten Population, aber was für eine Frau ‘normal’ ist, kann für eine andere zu hoch oder zu niedrig sein
- Freies oder gebundenes Testosteron? Nur das freie Testosteron ist biologisch wirksam und dieser Wert wird oft nicht mitgemessen (das jetzt im detail zu erklären wird den blog länger machen, achte aber darauf wenn Du einen Bluttest machst!)
- Der beste Zeitpunkt für einen Hormonstatus: Zyklustag 3 bis 5 für Östrogen, Zyklustag 18 bis 22 für Progesteron
Wenn Du Deinen Hormonstatus messen möchtest, solltest Du bei Deinem Arzt gezielt hiernach fragen:
Östradiol (E2), Follikelstimulierendes Hormon (FSH), LH, Progesteron (zyklusgerecht), Gesamttestosteron und freies Testosteron, SHBG (Sexualhormon-bindendes Globulin), TSH (Schilddrüse, wird oft vergessen), DHEA-S. Frag nach dem Messprotokoll und den Referenzbereichen und lass Dir erklären, was die Werte für Dich bedeuten.
Denn nur die Werte zeigen zusammen, wie dein Hormonsystem gesteuert wird (Follikelstimulierendes Hormon – FSH, Luteinisierendes Hormon – LH), wie aktiv deine Eierstöcke sind (Östradiol – E2, Progesteron), wie viel Energie und Antrieb verfügbar ist (Gesamttestosteron und freies Testosteron, Dehydroepiandrosteron-Sulfat – DHEA-S), wie viel davon überhaupt wirksam ist (Sexualhormon-bindendes Globulin – SHBG) und ob dein Stoffwechsel stabil läuft (Thyreoidea-stimulierendes Hormon – TSH) – entscheidend ist immer das Zusammenspiel, nicht der einzelne Wert.
Wissen über Deine Hormone ist kein medizinisches Luxusgut, Du kannst es Dir hier gezielt aneignen. Und das ist auch wichtig, denn Wissen ist die Grundlage jeder informierten Entscheidung. Und je früher Du dieses Wissen hast, desto mehr Spielraum hast Du.
In diesem Sinne, sei gut zu Dir.

Der große Hormon-Guide
Alles, was Du über Östrogen, Progesteron & Co. wissen musst – verständlich erklärt, medizinisch fundiert.



